Obwohl nun wohl in allen Schweizer Kantonen die Schulferien begonnen haben, fahren wir für drei Tage ins Tessin. Unser Basislager schlagen wir im schönen und ruhigen Hotel Walser in Bosco/Gurin auf.
Da mich Paul nicht völlig überfordern will, hat er zumindest für die ersten beiden Tage nicht allzu lange Touren geplant in der Hoffnung, dass ich am dritten Tag immer noch fit genug für etwas Längeres bin. So fahren wir am 22. Juli 2026 nach Cerentino und lassen das Auto auf dem Parkplatz bei der Casa Patriziale oberhalb des Dorfes stehen. Es ist zwar schon halb acht Uhr, als wir loslaufen – spät im Vergleich zu den letzten Wanderungen, die wir unternommen haben – aber die Sonne geht hier erst gerade auf. Das Thermometer zeigt angenehme 14°, der Himmel ist klar und ein herrlicher Sommertag erwartet uns. Kaum losgelaufen, verwirft Paul Langarmshirt und die langen Hosen und wechselt zu T-Shirt und kurzen Hosen. An der Kirche laufen wir vorbei und erreichen die Strasse nach Corsopra. Noch bevor wir dieses erreichen, holt uns eine Jagdhündin ein, die offenbar mit mir spielen will. Aber will ich alte Zwetschge überhaupt noch spielen? Sicher nicht! So geige ich ihr meine Meinung, und sie lässt mich in Ruhe, verlässt uns aber auch nicht mehr wirklich. Wenig oberhalb von Corsopra ruft ihr ein Mann, der dort grad am Mähen ist, und will sie einfangen – erfolglos allerdings. Paul versteht nicht alles, was er sagt. Ob er der Halter der Hündin ist oder einfach weiss, dass sie – er nennt sie Nala – immer irgendwo herum streunt, wissen wir nicht. Jedenfalls gibt er irgendwann resigniert auf, diese Nala zu sich zu locken und meint, dass sie uns bis Bosco/Gurin folgen werde. Und tatsächlich läuft sie uns munter voran, links und rechts fährtend. Seit ich sie zusammen gefräst habe, kommt sie nicht mehr wirklich in die Nähe, mal verschwindet sie auch für eine Viertelstunde oder mehr, taucht dann aber plötzlich wieder irgendwo auf. Paul ist nicht begeistert. Was machen wir, wenn die uns tatsächlich bis Bosco/Gurin ins Dorf hinein folgt oder gar bis zurück zum Auto? Aber jä nu, Steine schmeissen kommt nicht in Frage, und so finden wir uns mit unserer Begleiterin ab. Bei Corsopra können wir die Strasse verlassen und laufen auf gutem und nicht wirklich steilem Weg via Pigliegn hinauf nach Corte Bisavo. Unterwegs geraten wir mitten in eine kleine Gruppe Kühe, die sich – um dem Dickicht rund herum zu entgehen, ebenfalls auf dem Wanderweg in die gleiche Richtung bewegen. Was die hier wohl fressen? Es ist nämlich genauso furztrocken wie bei uns zu Hause und kaum mehr Grünzeugs sichtbar. Wasser finden wir bis nach dem Übergang ins Valle di Bosco Gurin auch nur gerade an einer Stelle. Übrigens sind der Nala die Kühe – die sind allerdings ganz brav – wohl nicht so ganz geheuer, denn nun klebt sie vorübergehend an Pauls Beinen. Irgendwann können wir überholen und lassen die Viecher und deren Hirtin hinter uns. Bei der Alp A Pian Cròsg stossen wir kurz auf bekanntes Gebiet, hier waren wir nämlich letztes Jahr schon auf unserer Tour auf den Pizzo Bombögn. Von hier aus ist der Übergang schnell erreicht, und wir machen eine Pause. Paul geniesst die Stille hier oben, während ich mich in seinen Schatten zum Schlafen hinlege. Irgendwann will er dann aber doch wieder weiter und wir machen uns an den Abstieg nach Bosco/Gurin. Erst geht es aber noch ein paar Höhenmeter weiter hinauf, bevor der Weg bis Plattulti teils recht steil abfällt. Unterweg begegnen uns ein Familie, die hier ansteigt. Ansonsten sind wir – trotz Ferienzeit – alleine unterwegs. Am Übergang haben wir übrigens auch die Sprachgrenze überschritten, wie die vielen walserdeutschen Flurnamen beweisen – zumindest theoretisch jedenfalls, denn inzwischen ist wohl auch Bosco/Gurin ein Dorf, wo grossmehrheitlich Italienisch gesprochen wird. Schliesslich erreichen wir die Rovana di Bosco und werden hinter einem Zwickdraht gleich von einem Pferd und einem Esel empfangen. Vor allem der Esel hat grosse Lust mich und Nala in der Gegend herum zu jagen, aber Paul schreitet resolut ein und lässt ihn nicht an mich heran. Da die Rovana nicht allzu viel Wasser führt, überqueren wir sie – um dem aufdringlichen Eseli zu entkommen - noch vor der Brücke. Nun muss ich an die Leine, denn ersten fahren hier Autos und zweitens gibt es in Bosco/Gurin eine Leinenpflicht. Hier nun – mitten im Dorf – verlieren wir Nala endlich. Ob sie irgendwo Unterschlupf gesucht und gefunden hat, hier ohnehin zu Hause ist, oder ins gerade offenstehende Magazin des winzigen Einkaufsladen eingedrungen ist, wissen wir nicht. Eine Weile laufen wir nun auf der Strasse in Richtung Cevio hinunter, bis ein schöner Säumerweg die Strasse verlässt. Den schlagen wir nun ein, erreichen schon bald wieder die Rovana, wo ich mich – obwohl ich doch so gar keine Wasserratte bin - sofort ins Wasser stürze und sogar ein paar Züge schwimme. Erfrischt geht es nun auf einem wirklich schönen Wanderweg genusswandernd weiter, meist im Wald, gelegentlich aber auch über Wiesen, bis wir schliesslich vor Corino wieder auf die Strasse müssen, der wir nun – mit einem kleinen Abstecher zurück zur Kirche – bis zum Auto folgen. So, das war jetzt eine nicht allzu lange und vor allem meist pfotenschonende Tour in einer sehr schönen Gegend. Jetzt lege ich mich zwar im Hotel in mein Bett und schlafe erst mal, aber ich glaube, morgen bin ich wieder fit für eine weitere Wanderung.