Piz di Rüss

Drei Wochen ist es her, seit wir zuletzt unterwegs waren. Entweder war das Wetter leid (inzwischen hat es noch zweimal bis zu uns nach Amden herunter geschneit!) oder Paul war mit seinem Garten beschäftigt. Dafür fahren wir jetzt ein paar Tage in den Süden und quartieren uns wieder mal in Coglio im Maggiatal ein. Auf dem Weg hinunter ins Tessin, machen wir aber erst im Calancatal halt. In letzter Zeit haben wir ja oft Wanderungen unternommen, wo wir die Strecke zumindest teilweise schon gekannt haben. Am 21. Mai 2026 probieren wir aber etwas aus, wo wir noch keinen Meter kennen. Wir fahren mit der Selbstbedienungs-Seilbahn von Arvigo nach Braggio hinauf, wo wir den Wanderweg hinauf zum Rifugio Alp di Fora einschlagen. Der Weg ist sehr schön, gut zu finden und nur mässig steil. Hingegen laufen wir noch im Bergschatten, da wir wieder mal etwas zu früh losmarschieren. Mich freut’s, Paul weniger… Unterwegs kommt uns ein Wanderer entgegen. Es soll die einzige Begegnung heute bleiben. Was für ein Unterschied zu der Völkerwanderung an der Saxerlücke! Die Hütte bei der Alp di Fora schauen wir uns natürlich kurz an. Sie ist recht gross mit diversen Zimmern. Möglich, dass die im Sommer gut besucht ist, liegt sie doch am Sentiero Alpino Calanca. Heute allerdings ist niemand hier. Auf der Karte von Swisstopo ist eine Wegspur eingezeichnet, welche von der Hütte in Richtung Kreuz beim Punkt 2124 nordöstlich von Pian di Renten ansteigen soll. Von wegen Wegspur! Ein komfortabler und gut ausgeschnittener Weg führt von der Hütte weg. Gerne nehmen wir den natürlich in Anspruch. Nach ein paar Hundert Meter stellt Paul aber anhand des GPS fest, dass wir zu tief liegen. Eine Abzweigung haben wir allerdings nirgends gesehen, und der Weg ist so schön (inzwischen laufen wir endlich auch im Sonnenschein) und die Alpenrosen-Wacholder Vegetation links und rechts davon so dicht, dass wir ihm gerne weiter folgen. Irgendwann erreichen wir ein kleines Bödeli, von wo der Weg nun wieder abzusteigen scheint. Wahrscheinlich, dass er hinunter nach Pian di Renten leitet. Wir wollen aber hinauf auf den Grat, und so verlassen wir ihn halt und steigen weglos den steilen Hang hinauf. Es ist ein Steiss! Abgesehen davon, dass es eben sehr steil ist, mühen wir uns auch mit Alpenrosen und stüpfigem Wacholder ab. Paul bemüht sich zwar, immer irgendwo eine Lücke für mich zu finden, aber nicht immer ist das möglich, so dass ich mich gelegentlich sehr mühsam durch die dichte Vegetation quetschen muss, währen Paul einfach darüber steigt. Je näher wir dem Grat kommen, desto besser wird es! Schliesslich ist der Grat erreicht, wo wir eine unscheinbare Wegspur finden, die uns nun mühelos zum Piz di Rüss hoch leitet. 2247 Meter ist der hoch und auf keiner Seite liegt Schnee! Wir machen eine ausgiebige Pause – warm genug dafür ist es – und geniessen die Aussicht! Im Osten zeigt sich hinter den Bergeller Gipfeln deutlich die Pyramide des Monte Disgrazia, die man von hier aus sehr schön sieht. Auch die Walliser Alpen im Westen zeigen sich deutlich. Von den angekündigten Schleierwolken hingegen sehen wir hier kaum etwas – zum Glück. Der Abstieg gegen Norden sieht ziemlich steil aus. Kurz vor der Boca d’Vegeina geht der sonst meist grasige Grat noch in einen üblen Blockgrat über. Gemäss Karte soll man den aber in steilem Gelände umgehen können. Das Ganze ist dann aber nur halb so wild. Zuerst finden wir in der steilen Fortsetzung des Grates eine ganz gute Wegspur, der wir mühelos folgen, danach biegen tatsächlich genau dort, wo sie auf der Karte eingezeichnet sind, Wegspuren erst westlich und dann östlich vom Grat ab, so dass man den Blockgrat elegant umgehen kann. Wir erreichen also die Boca ganz ohne Probleme. Hier finde ich ein einziges kleines Schneefeld, wo ich mich abkühlen kann. Bald erreichen wir den recht breiten Weg, der hier wohl für den Unterhalt der zahlreichen Lawinenverbauungen angelegt wurde, und der uns nun angenehm zum Wanderweg hinunter leitet. Nun laufen wir ein kurzes, sehr schönes und hier unschwieriges Stück des Sentiero Alpino Calanca, welchen wir dann aber bei Punkt 997 wieder verlassen um wieder hinunter nach Braggio zu steigen. Das machen wir aber nicht gleich auf direktem Weg – es ist ja auch ein allzu schöner Tag – sondern wir legen noch einen Schlenker durch den Wald bei Rasögna ein um schliesslich bei Punkt 1495 die Strasse zu erreichen. Um nun nicht noch lange der Strasse zu folgen, verlassen wir sie schon bald wieder und schlagen den Weg hinüber nach Mondent ein, um zum Schluss auf der Aufstiegsroute wieder zum Bähnli zu gelangen. Sehr schön diese Wege hier! Man läuft zwar viel im Wald, aber gerade weiter oben stehen die Lärchen nicht gar dicht, und jetzt sind sie auch noch nicht arg benadelt, so dass wir trotzdem viel Sonne ab bekommen! So, jetzt geht es ab ins Hotel, wo ich mich erholen muss, damit ich morgen wieder laufen mag. Schliesslich bin ich am Montag 12 Jahre alt geworden und damit quasi offiziell eine alte Schachtel…

Donnerstag, 21. Mai 2026