Pizzo del Sole

Wir wollen wieder mal eine Zweitagestour probieren und fahren deshalb am 8. Juli 2026 auf die Alpensüdseite. Nur knapp allerdings, denn wir starten unsere Wanderung beim Parkplatz Pini gleich unterhalb der Lukmanier-Passhöhe auf Tessiner Seite. Der Himmel ist leider mit einer hartnäckigen hohen Wolkenschicht bedeckt, die sich nur langsam ausdünnt, so dass wir erst gegen die Mittagszeit hin mehr und mehr Sonnenschein erhalten. Wir laufen bei nur mässigen Temperaturen und einem immer stärker werdenden frischen Wind gegen den Passo del Sole zu. Der Weg ist eine gute, stark ausgetretene und ausgefahrene Wanderautobahn in kaum nennenswerter Steigung, führt allerdings durch eine schöne, blumenreiche und wohlriechende Gegend. Statt das Langarmshirt gegen ein T-Shirt zu tauschen, muss Paul kurz vor dem Passo del Sole gar noch die Weste anziehen, so stark bläst inzwischen der Wind. Pause mögen wir auf der Passhöhe deswegen nicht machen. Ein paar Meter unterhalb verlassen wir den Weg und laufen in einfachem und offenem Gelände querbeet gegen Südwesten, um Anschluss an den Alpinwanderweg zu finden, der bei der Alpe Carorescio beginn und zum Pizzo del Sole hoch führt. Wir wissen jetzt auch, warum wir im Oktober 2025 anlässlich unserer Laghi di Chièra-Tour den Abschnitt zwischen der Bassa di Söu und dem Passo Prèdelp weiss-blau-weiss markiert vorgefunden haben. Offenbar ist das inzwischen alles Teil einer längeren, meist als Alpinwanderweg markierte Route zwischen Matro und Pizzo del Sole. Aber ob wir das schaffen, den Pizzo del Sole über den Westgrat zu besteigen? Den muss man sich erst einmal erkämpfen. Wir stossen auf ca. 2370 Meter Höhe auf den Alpinwanderweg, der völlig übertrieben markiert ist. Teils finden sich die Markierungen in kaum 2 Meter Abstand. Aber besser so als anders herum, denn bald schon führen uns die Markierungen in ein wüstes Geröll- und Schuttfeld, das wir nun mühsam und steil ansteigen. Mindestens eine Wegspur sieht man ausserhalb der Blockfelder eigentlich immer. Schliesslich sind wir froh, unterhalb der Bassa di Pos Lèi auf festen Fels zu stossen. Der Wegbauer hat dort ein dickes Tau hin gehängt, an dem sich Paul den steilen Felsen entlang hoch ziehen kann. Ich schaffe es grad noch so ohne Hilfe, aber der raue Fels reibt mächtig an meinen zarten Pfötchen. Schliesslich ist die Bassa erreicht und Paul rutscht fast das Herz in die Hose! Diesem schmalen Felsgrat entlang soll man hochsteigen? Beinahe kehren wir wieder um. Aber dann sagt er sich, probieren geht über studieren und folgt mir durch die kleine Lücke im Fels. Siehe da, auf der anderen Seite zeigt sich eine schmale Spur, die entlang dieses Grates Richtung Pizzo del Sole hoch zieht, so dass man den eigentlichen Felsgrat nur selten tatsächlich begehen muss. Also eigentlich alles nur halb so wild. Dennoch brauchen diese vielleicht 50 Meter, wo man so dicht am Abgrund auf beiden Seiten läuft, schon etwas Mut, denn es geht beidseitig furchtbar stotzig hinunter. Dass es hier oben auch recht böig bläst, hilft auch nicht gerade. Nach diesem kurzen, doch sehr ausgesetzten Stück, wird der Grat etwas breiter und die Wegspur tritt noch ein wenig mehr vom Grat zurück. Hier finden wir eine völlig windgeschützte Stelle, wo wir eine erste und längere Pause machen. Paul vermutet nämlich, dass er es auf dem zugigen Gipfel nicht allzu lange aushalten wird. Die Sonne drückt jetzt mehr und mehr durch den milchigen Himmel. Schliesslich steigen wir noch die letzten 150 Höhenmeter steil an, zuletzt wird der Grat erneut felsig, und Paul braucht gelegentlich gar seine Hände. Immer dieser raue Fels! Gar kein Labsal für meine Pfoten! Wie erwartet lässt einem der Nordwind keine Ruhe auf dem Gipfel. Wir bleiben nur so lange, wie es braucht, um ein paar Fotos zu machen und die fantastische Rundumsicht zu bewundern. Er ist schon ein herrlicher Aussichtsberg, dieser Pizzo del Sole! Also, dieser gefürchtet Aufstieg war jetzt eigentlich gar nicht so gar anspruchsvoll. Wenn einer keine Angst vor Gratwanderungen hat, ist das bei trockener Witterung gut zu machen. Der Abstieg hingegen ist wahnsinnig steil mit vielen, vielen hohen Stufen. Der Wegmarkierer hat die Markierungen durchgängig direkt am Grat angebracht, und hier führt auch die inzwischen deutliche Wegspur hinunter. Dabei erinnern wir uns gut, dass wir anlässlich unseres ersten Besuchs des Pizzo del Sole diesen gelegentlich gegen Nordosten zu verlassen haben, um etwas einfacher gehen zu können. Und tatsächlich sieht man auf der Nordostseite auch gelegentlich Steinmännchen eine andere Route markieren. Paul hält sich aber an die weiss-blau-weissen Markierungen, während ich gelegentlich seitlich ausweiche, um einer allzu hohen Stufe aus dem Weg zu gehen. Schliesslich erreichen wir den Le Pipe unbeschadet. Meine Pfoten haben schon ziemlich gelitten, aber es geht gleich weiter über Blöcke und Granit hinunter zur Bassa di Söu. Hier wollen wir nochmals eine längere Pause machen, aber der Wind vertreibt uns gleich wieder, so dass wir erst mal diese so übel stotzigen ersten paar Höhenmeter gegen Süden hin absteigen, um uns schliesslich auf einem hübschen Bödeli eine Weile hinzulegen. Nun versuchen wir, die Wegspur von unserer ersten Pizzo del Sole-Tour zu finden, was uns aber nicht so recht gelingen will. Schliesslich stehen wir oberhalb der Hütte bei Punkt 2347 und sehen von dort aus eine recht ausgeprägte Spur nach Nordosten führen. So steigen wir hinunter zur Hütte (was für eine üble Sauerei dort, überall liegt Müll herum!) und folgen dieser Spur. Zwar verlieren wir auch diese gelegentlich, kommen aber dennoch ganz gut und unschwierig voran, so dass der Wanderweg hinunter nach Predèlp bald einmal erreicht ist. Dem folgen wir aber nur kurz, um auf einem stark ausgetretenen Schafweg Pian Cavallo zu erreichen. Inzwischen ist es ziemlich warm geworden, und die Pfoten tun mir übel weh. Dass diese auf der Karte immer noch als Fussweg eingezeichnete Strasse hinüber nach Brusada so rau und lotterig ist, hilft mir auch nicht. Dafür ist dann aber der Weg hinunter nach Carì recht angenehm zu gehen und verläuft zumindest teilweise im Baumschatten. Wenn wir auch nur knapp über sieben Stunden unterwegs waren, war das jetzt eine happige Sache, vor allem für mich. Ich bin froh, mich im Zimmer in der Pensione Carì hinlegen zu können und keinen Schritt mehr machen zu müssen. Mal schauen, ob ich morgen überhaupt in der Lage bin, mich fort zu bewegen.

Nach einer ruhigen Nacht, ist am nächsten Tag schon beim frühmorgendlichen Gassigang klar, dass das heute nichts wird mit Wandern. Schon auf der Teerstrasse mag ich gar nicht laufen. Auf der Wiese geht es zwar etwas besser, aber da uns bei der geplanten Route zurück zum Auto zwischen dem Rifugio Gana Rossa und dem Passo Bareta nochmals viele Blöcke erwarten, entscheidet Paul mir zuliebe, zurück zu fahren, und so treten wir einen mehr als drei stündigen Busmarathon an, der uns zurück zum Auto bringt. Paul blutet das Herz, denn heute wäre währli ein wunderprächtiger Wandertag: herrliches Wetter, ein angenehmes Windchen weht, die Luft ist trocken und die Fernsicht somit gut. Aber jä nu, nichts zu machen...

Mittwoch, 08. Juli 2026