Unser letzter Wandertag hier in Bosco/Gurin beschert und Kaiserwetter: tiefblauer Himmel, angenehme Temperaturen und es weht ein wohliges Lüftchen. Angedacht ist ja eigentlich, den 24. Juli 2026 zu nutzen, um von Bosco/Gurin über die Bocchetta di Cerentino nach Fontana oder gleich bis Bignasco zu laufen. Das wäre ein ziemlicher Hub mit gegen 2000 Höhenmeter Abstieg. Da sich Paul nicht sicher ist, ob ich das nach bereits zwei Wandertagen noch schaffe, gibt es natürlich einen Plan B, der uns wieder zurück nach Bosco/Gurin führen würde. So können wir unterwegs entscheiden, welche Variante es werden soll. Rechtzeitig zum Sonnenaufgang laufen wir im Dorf los und steigen auf schönem Weg mit nur mässiger Steigung hinauf nach Endra Staful. Kurz zuvor verlassen wir den Wald und befinden uns nun in diesem wirklich schönen Gebiet der Wolfstaffel. Bei Endra Staful könnten wir nun eine erste Abkürzung nehmen und via Zu Rota Balmu und dem Lawinenverbauungsweg zurück ins Dorf steigen. Aber ich mag eigentlich noch ganz gut laufen und habe auch noch genug Energie, um links und rechts vom Weg herum zu stöbern. Also geht es weiter auf nun ein bisschen weniger gut ausgeprägtem Weg in Richtung Üssera Staful, die wir dann auch schon bald erreichen. Hier könnten wir nun weglos zum Wanderweg nach Zu Rota Balmu queren. Wollen wir aber nicht, denn ich bin immer noch fit. Also steigen wir – auf nun von der Bocchetta d’Orsalía Tour im Juni 2025 bekannter Route – weiter dem Üssera See zu. Auf ca. 2265 Meter Höhe muss Paul aber definitiv entscheiden, ob wir die Richtung zur Bocchetta di Cerentino einschlagen werden oder nicht. Ich laufe zwar immer noch munter mit, aber wo ich normalerweise federleicht hochschnelle, da stemme ich mich jetzt doch mit einiger Mühe hinauf, und den Granit versuche ich auch zu meiden. Paul schliesst daraus, dass bei mir die Kräfte langsam zur Neige gehen und die Pfoten doch etwas weh tun. Wir verschieben deshalb den Abstieg ins Val Bavon auf ein anderes mal und steigen noch den Rest hinauf zum Üssera See. Hier gibt es eine Pause und für mich ein Bad im See. Gekühlt und gestärkt renne ich nun wieder fröhlich weiter dem Schwarzsee zu. Der ist bald erreicht und ich kann mich gleich nochmals erfrischen. Nun verlassen wir die bekannte Strecke und steigen auf nicht immer so ganz klarem Weg durch herrliches Gelände hinunter gegen Endra Staful. Es sieht hier an diesen sonnigen Südhängen bereits aus wie Ende August: Alles ist braun-beige! Auch der Bauer, der im Dorf unten Gras geschnitten hat, kann sich die Zeit sparen, das Gras trocknen zu lassen, denn es ist nämlich bereits zu Heu getrocknet. Nur noch in den Wäldern und auf den Nordseiten findet sich Grünzeugs. Knapp 100 Höhenmeter oberhalb Endra Staful schlagen wir den Weg in Richtung Zu Rota Balmu respektive zum Lawinenverbauungsweg ein. Wobei Weg ist hier etwas zu viel gesagt, denn auf vielen Abschnitten findet man nur mit viel Fantasie auch nur eine Wegspur. Die Markierungen sind allerdings tipptopp, so dass die Navigation dennoch kein Problem darstellt. Wunderschön ist es hier! Schliesslich erreichen wir eine Felsrippe, die man sehr ausgesetzt und auf hier gut sichtbarem Weg umläuft. Für den ängstlichen Zweibeiner hat der Wegbauer sogar ein Stahlseil montiert. Das liebliche Gelände macht hier schlagartig einer brutal steilen Plangge Platz, auf der viele Lawinenverbauungen stehen. Auf den ersten vielleicht 100 Meter findet man als Weg wieder nur eine schmale Spur, kurz geht es noch ein paar Meter durch lotteriges Zeugs und dann: Man traut den Augen kaum! Plötzlich finden wir einen wunderprächtig ausgearbeiteten Plattenweg vor uns, der uns mühelos durch ein Blockfeld leitet. Danach ist der Weg breit und verläuft auf einem ausgeprägten Trasse. Dem folgen wir nun mühelos gegen das Dorf hinunter. Leichter und angenehmer kann man kaum absteigen! Allerdings ist das Gefälle so gering, dass man läuft und läuft und läuft und doch dem Dorf kaum näher kommt. Hier haben wohl für die Lawinenverbauungen schwer beladene Maultiere Material hoch transportieren müssen, weswegen die Steigung möglichst gering gehalten wurde. Bei der letzten Spitzkehre wird es Paul dann aber zu bunt, schliesslich wollen wir heute noch in Bosco/Gurin ankommen! Wir traversieren auf einer kaum sichtbaren Spur im Wald durch hohes Gras zum nur wenige Meter entfernten Wanderweg, der von der Olmeina hinunter ins Dorf führt. Dieses ist nun bald erreicht und um Punkt 12 Uhr sind wir zurück beim Auto. Inzwischen ist es auch in Bosco/Gurin recht heiss. So, jetzt ist es für mich aber wirklich genug. Ich kann zwar schon noch laufen, aber alles ist etwas zäh. Das war heute eine wunderschöne Tour bei herrlichem Wetter in einer Gegend, durch die man tagelang schweifen könnte!